· 

Mehr antibiotikaresistente Keime - schwerere Therapie

http://www.xing-news.com/reader/news/articles/1565069?cce=em5e0cbb4d.%3AoZ_tZ-XBFNvROyO13DgmAH&link_position=digest&newsletter_id=35691&toolbar=true&xng_share_origin=email

 

Deutschland

Mehr antibiotikaresistente Keime - schwerere Therapie

 

Entwickeln Bakterien Resistenzen gegen Antibiotika, werden eigentlich gut behandelbare Krankheiten gefährlich. In Deutschland stoßen Experten immer öfter auf solche Keime.

 

Montag, 23.07.2018   16:15 Uhr

 

Experten weisen bei Krankenhauspatienten in Deutschland immer häufiger Keime nach, die gegen wichtige Reserveantibiotika resistent sind. Diese Antibiotika werden eingesetzt, wenn die herkömmlichen Mittel bereits versagt haben. Der gefährliche Trend geht aus Daten des Nationalen Referenzzentrums für gramnegative Krankenhauserreger (NRZ) der Ruhr-Universität Bochum hervor.

 

Die zugehörigen Proben hatten Ärzte mit Verdacht auf Antibiotikaresistenzen ins Labor geschickt. Im Jahr 2017 fanden die Experten des NRZ in fast jeder dritten Probe eine sogenannte Carbapenemase. Dabei handelt es sich um von den Bakterien produzierte Enzyme, die unter anderem Reserveantibiotika aus der Gruppe der Carbapeneme unwirksam machen.

 

Bei betroffenen Patienten fallen die meisten eigentlich sehr gut wirksamen Antibiotika weg - Ärzte müssten auf die "Reserve der Reserve" zurückgreifen, sagte der Biologe Niels Pfennigwerth vom NRZ, der die Ergebnisse in einem Bericht des Robert Koch-Instituts veröffentlicht hat. Diese Medikamente hätten oft Nachteile, beispielsweise stärkere Nebenwirkungen.

 

Als besorgniserregend beschreiben die Autoren um Pfennigwerth außerdem eine merkliche Zunahme von Keimen mit mehr als einem Schutzmechanismus gegen Carbapene. Die Folge: Die Therapiemöglichkeiten würden in der Regel noch weiter eingeschränkt.

 

"Bedenkliche Entwicklung"

 

Die Daten des Berichts basieren auf 8014 Proben, die 355 Labore aus ganz Deutschland im vergangenen Jahr an das NRZ geschickt hatten. Die meisten Proben stammten von Krankenhauspatienten. Die Anzahl ist damit im Vergleich zu 2016 um acht Prozent gestiegen, damals gab es 7402 Einsendungen.

 

Zu Abklärungen durch das NRZ kommt es in der Regel, wenn bei einem Patienten mehrere Antibiotika nicht die erwünschte Wirkung erzielen. Bei einem wachsenden Teil von Proben geht es auch um die Frage, ob Resistenzen gegen das Reserveantibiotikum Colistin vorliegen. Bei multiresistenten Keimen versagen mehrere Antibiotika. In der Regel lassen sich die Infektionen trotzdem noch behandeln, weil die Bakterien zwar gegen viele, aber nicht gegen alle Mittel immun sind. Ziel ist es dann, herauszufinden, welche Mittel noch wirken.

 

Die Zunahme an Einsendungen um fast acht Prozent sind für Niels Pfennigwerth Zeichen eines gestiegenen Bewusstseins für diese Erreger, aber ebenso Folge einer tatsächlichen Zunahme von Resistenzen. Er sprach von einer "bedenklichen Entwicklung", mahnte aber auch vor Alarmismus. "In Deutschland haben wir im Vergleich zu Italien und Griechenland noch ein niedriges Niveau." Repräsentative Daten gebe es allerdings nicht.

 

Mitschuld an der Misere

Im Körper agieren multiresistente Keime genauso wie ihre Verwandten, die noch auf alle Antibiotika reagieren. Aus diesem Grund sind viele der Keime für Menschen mit einem intakten Immunsystem harmlos. Bei geschwächten Patienten jedoch können die Bakterien Infektionen etwa der Lunge oder der Harnwege auslösen. Dann lassen sie sich nur schwer behandeln.

 

Dass Bakterien Resistenzen entwickeln, ist ein natürlicher Prozess und Teil der Evolution: Treffen die Erreger auf Antibiotika, sollten eigentlich alle absterben. Durch zufällige Mutationen im Erbgut kann es jedoch sein, dass ein paar wenige überleben und Schutzmechanismen gegen die Antibiotika aufgebaut haben. Der viel zu hohe Gebrauch der Medikamente bei Patienten und in der Tiermast beschleunigt diesen Prozess.

Im Kampf gegen Antibiotikaresistenzen haben Wissenschaftler bereits wirksame Strategien entwickelt.

Dazu zählen:

§  Strenge Hygienevorschriften in den Krankenhäusern, um bereits resistente Erreger nicht von einem Patienten zum nächsten zu tragen.

§  Gezielter Einsatz von Antibiotika. Viel zu häufig verordnen Ärzte die Medikamente, obwohl die Patienten sie gar nicht brauchen. Viele Erkältungskrankheiten etwa werden von Viren ausgelöst, gegen die Antibiotika unwirksam sind.

§  Richtige Einnahme von Antibiotika. Hier sind die Patienten in der Verantwortung: Wer das verordnete Antibiotikum zu kurz oder falsch einnimmt, verbessert für Bakterien die Chance, sich an die Wirkstoffe so anzupassen, sodass diese die Erreger nicht mehr abtöten können.

 

NZZ Format

 

irb/dpa

 

Veröffentlicht auf: www.xing-news.com

von: irb/dpa /  NZZ Format