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Krankenkassen und Pharmalobby streiten ums Geld

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Allgemeine Zeitung/Politik/Rheinland-Pfalz

 

Rheinland-Pfalz

13.10.2017

 

Kassen und Pharmalobby streiten ums Geld

Von Mario Thurnes

 

ARZNEI TK:

Neue Medikamente kosten immer mehr und sind in ihrem Nutzen zweifelhaft / Industrieverband: Versorgung leidet unter Sparvorgaben

 

MAINZ - Hohe Preise, kaum Innovation, heißt es auf der einen Seite. Die Versorgung mit Arzneimittel werde verschlechtert, kontert die andere Seite.

Krankenkassen und Pharmaindustrie streiten – und es geht um Geld.

 

Die Techniker Krankenkasse (TK) Rheinland-Pfalz hat den „Innovationsreport 2017“ vorgelegt. Nach diesem liegt das Land bei den Verordnungen von „neuen Arzneimitteln, „denen kein Zusatznutzen bescheinigt wurde“, im Mittelfeld. Im Report hat die TK 32 Wirkstoffe untersuchen lassen, die 2014 auf den Markt gekommen sind. Es ging um Fragen wie: Verbessert das neue Medikament eine bestehende Therapie? Hat es einen Zusatznutzen für die Patienten? Und bleiben die Kosten im Rahmen?

 

„Die Mehrzahl der Medikamente stellten keine echten Innovationen dar“, sagt Jörn Simon, Leiter der TK-Landesvertretung in Rheinland-Pfalz. 17 Präparate erhielten eine mittelmäßige Bewertung, 15 eine schlechte. Gleichzeitig seien die Preise gestiegen: Bereits im vergangenen Jahr haben sich diese laut TK verdoppelt.

In diesem Berichtsjahr sei der durchschnittliche Preis pro Packung noch einmal um etwa 1000 Euro auf rund 2500 Euro gestiegen, und die Umsätze der neuen Arzneimittel im Jahr nach der Markteinführung hätten sich fast verfünffacht.

 

Bei Senioren oft mehr Risiko als Nutzen

Nach dem Innovationsreport kann die teuerste Therapie sogar Kosten von bis zu 1,2 Millionen Euro pro Patient verursachen. Außerdem findet sich das als „teuerste Pille“, mit einem Preis von 700 Euro pro Stück bei Markteinführung, bekannt gewordene Arzneimittel Sovaldi im Report wieder.

 

Die Folge: Allein bei der TK seien die Ausgaben für neue Arzneimittel im ersten Jahr nach der Markteinführung von 54 Millionen auf 250 Millionen Euro gestiegen. Dies entspreche rund fünf Prozent der aktuellen Arzneimittelausgaben der TK. „Die Zahlen zeigen, dass die Industrie offenbar sehr darauf bedacht ist, hohe Preise einzufordern, während wirklich innovative Arzneimittel nur selten entwickelt werden“, sagt Simon.

 

Rheinland-Pfalz weist bundesweit einen der höchsten Anteile an alten Menschen auf, denen ein Medikament verordnet wurde, das potenziell mehr Risiko als Nutzen für sie hat.

Das hat die Barmer in ihrem Arzneimittelreport festgestellt. „Es gibt Arzneimittel, deren Einnahme für ältere Menschen kritisch ist. Sie sind auf der sogenannten Priscus-Liste aufgeführt“, sagt Dunja Kleis, Landesgeschäftsführerin der Barmer.

 

Mehr als jeder vierte Rheinland-Pfälzer über 65 Jahren hat im Jahr 2016 laut Barmer ein Priscus-Medikament erhalten.

Damit liegt Rheinland-Pfalz im Vergleich aller Bundesländer knapp hinter dem Saarland und Nordrhein-Westfalen auf Platz drei. Kleis sagt: „Jeder Arzt, der einem älteren Patienten Arzneimittel verordnet, ist gefordert, bei der Nutzen-Risiko-Abwägung des Medikaments die altersspezifischen Besonderheiten zu berücksichtigen und die Dosierung entsprechend anzupassen.“

Derzeit umfasst die Priscus-Liste 83 Medikamente, die als potenziell ungeeignet für alte Menschen gelten.

 

Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) hält mit dem Arzneiverordnungs-Report gegen die Argumentation der Krankenkassen. Demnach liege der Anteil der pharmazeutischen Industrie an den Ausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung bei 8 Prozent – und sei folglich gesunken. Der von den Kassen geforderte Sparkurs wirke sich schon auf die Qualität der Versorgung aus, sagt der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des BPI, Norbert Gerbsch: Die Politik müsse die Blockade der Weiterentwicklung von Arzneimitteln beenden.

 

Veröffentlicht auf: www.xing-news.com

Von Mario Thurnes